Eine Frage höre ich von Kunden mit Elektroauto immer wieder:
„Warum ist mein E-Auto in der Versicherung eigentlich deutlich teurer als ein vergleichbarer Verbrenner?“
Auf den ersten Blick erscheint die Frage durchaus berechtigt. Schließlich haben Elektroautos weniger bewegliche Teile, benötigen keinen Ölwechsel und gelten technisch in vielen Bereichen als vergleichsweise wartungsarm.
Warum also verlangen Versicherer für einen Stromer teilweise deutlich höhere Beiträge?
Die Antwort liegt nicht darin, dass Elektroautos grundsätzlich häufiger beschädigt werden. Im Gegenteil: Untersuchungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen, dass Elektrofahrzeuge in der Vollkaskoversicherung teilweise sogar bis zu 20 Prozent weniger Schäden verursachen als vergleichbare Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor.
Das Problem liegt an einer anderen Stelle:
Wenn ein Schaden passiert, kann die Reparatur bei einem Elektroauto deutlich teurer werden.
Und genau diese Schadenkosten müssen Versicherer bei der Kalkulation ihrer Beiträge berücksichtigen.
Das Wichtigste in Kürze:
- E-Autos verursachen laut GDV-Daten weniger Schäden als vergleichbare Verbrenner – bis zu 20 % weniger in der Vollkasko.
- Trotzdem sind die Beiträge oft höher, weil die Reparaturkosten im Schadenfall deutlich größer ausfallen können.
- Hauptgrund ist die Hochvoltbatterie: Sie ist teuer, schwer zu prüfen und kann schon bei kleineren Unfällen einen wirtschaftlichen Totalschaden auslösen.
- Elektroautos brennen laut Versicherungsstatistik nicht häufiger als Verbrenner – ein Brand mit Batteriebeteiligung ist aber aufwendiger zu löschen und teurer in der Nachbereitung.
- Auch allgemein steigende Ersatzteil- und Werkstattkosten treiben die Kfz-Versicherung insgesamt nach oben – unabhängig vom Antrieb.
- Entscheidend ist deshalb nicht der günstigste Jahresbeitrag, sondern der Leistungsumfang im Schadenfall (z. B. Akku-Absicherung, Wallbox, Neuwertentschädigung).
Ersatzteile und Werkstattkosten treiben die Kfz-Versicherung insgesamt nach oben
Zunächst muss man die Entwicklung betrachten, die derzeit die gesamte Kfz-Versicherung betrifft.
Die Kosten für Ersatzteile und Reparaturen sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Während die allgemeine Inflation zwischen 2013 und 2022 kumuliert bei rund 22 Prozent lag, verteuerten sich Kfz-Ersatzteile im gleichen Zeitraum um mehr als 55 Prozent.
Bei bestimmten Bauteilen fiel der Anstieg sogar noch wesentlich höher aus. Rückleuchten verteuerten sich beispielsweise um rund 79 Prozent, Kofferraumklappen um etwa 73 Prozent.
Ein wesentlicher Grund dafür ist der sogenannte Designschutz. Bei sichtbaren Karosserieteilen wie Türen, Kotflügeln oder bestimmten Leuchten können Hersteller beziehungsweise Rechteinhaber den Nachbau durch Drittanbieter erheblich einschränken. Das führt faktisch dazu, dass Versicherer und Kunden bei vielen Ersatzteilen auf die Originalteile der Fahrzeughersteller angewiesen sind.
Und die haben ihren Preis.
Hinzu kommen steigende Lohnkosten in den Werkstätten, höhere Anforderungen an Diagnose und Kalibrierung sowie immer komplexere Fahrzeugtechnik.
Das betrifft Verbrenner genauso wie Elektroautos.
Bei Elektroautos kommen allerdings noch einige zusätzliche Kostentreiber hinzu.
Die Hochvoltbatterie ist der entscheidende Unterschied
Der wohl wichtigste Punkt ist die Hochvoltbatterie.
Sie gehört zu den teuersten Komponenten eines Elektrofahrzeugs und kann einen erheblichen Anteil am Gesamtwert des Fahrzeugs ausmachen.
Und genau hier liegt ein Problem, das man als Autofahrer zunächst gar nicht erkennen kann.
Eine Batterie kann nach einem Unfall äußerlich völlig unauffällig aussehen und trotzdem beschädigt sein. Deshalb reicht es nicht aus, einfach einen Blick auf das Batteriegehäuse zu werfen.
Nach einem Unfall müssen gegebenenfalls Zellen, Module, Gehäuse und Hochvoltkomponenten überprüft werden. Dafür sind speziell geschulte Fachkräfte und entsprechende Diagnoseverfahren erforderlich.
Das kostet Zeit und Geld. Denn ein kompletter Batterietausch kann aus einem eigentlich überschaubaren Unfallschaden sehr schnell einen erheblichen Schaden verursachen.
Warum aus einem kleinen Schaden ein wirtschaftlicher Totalschaden werden kann
Genau hier liegt einer der wesentlichen Gründe für die höheren Versicherungskosten.
Stellen wir uns einen Unfall vor, bei dem ein Elektrofahrzeug einen relativ starken Schlag auf den Unterboden bekommt. Von außen sind möglicherweise lediglich einige Karosserieteile beschädigt.
Bei einem Verbrenner wäre die Reparatur unter Umständen vergleichsweise einfach. Beim Elektroauto stellt sich zusätzlich die Frage: Hat die Hochvoltbatterie etwas abbekommen?
Wenn diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann, sind umfangreiche Prüfungen erforderlich. In bestimmten Fällen wird vom Hersteller sogar der Austausch des gesamten Batteriesystems empfohlen.
Technisch und sicherheitstechnisch kann dieses Vorgehen durchaus nachvollziehbar sein. Wirtschaftlich kann es allerdings dramatische Folgen haben.
Denn wenn ein Fahrzeug beispielsweise noch einen Wiederbeschaffungswert von 30.000 Euro hat, die Reparatur aber aufgrund eines erforderlichen Batterietauschs 35.000 Euro kosten würde, ist die Rechnung relativ einfach: Das Fahrzeug ist wirtschaftlich ein Totalschaden.
Und genau solche Fälle beeinflussen die Schadenbilanz der Versicherer. Ein großer europäischer Versicherer hat ebenfalls darauf hingewiesen, dass selbst vergleichsweise kleine Beschädigungen im Bereich der Batterie zu unverhältnismäßig hohen Reparaturkosten führen können.
Elektroauto-Brände sind nicht häufiger, aber besonders
Ein weiterer Punkt wird in der öffentlichen Diskussion häufig falsch dargestellt.
Wer regelmäßig Nachrichten verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Elektroautos besonders häufig brennen.
Die Schadenstatistiken der Versicherer geben das so jedoch nicht her.
2023 registrierten die Kaskoversicherer rund 14.200 Fahrzeugbrände mit einem Gesamtschaden von etwa 100 Millionen Euro. Der Anteil der Elektrofahrzeuge an diesen Bränden lag ungefähr auf dem Niveau ihres Anteils am gesamten versicherten Fahrzeugbestand.
Das bedeutet: Elektroautos brennen nach den vorliegenden Versicherungsdaten nicht grundsätzlich häufiger als Verbrenner.
Warum wird über brennende Elektroautos trotzdem so ausführlich berichtet? Weil sich ein Brand unter Beteiligung einer Hochvoltbatterie teilweise anders verhält.
Beim sogenannten „Thermal Runaway“ können sich Batteriezellen stark erhitzen und eine Kettenreaktion auslösen. Die dabei entstehende Hitze und die großen Mengen an Rauch stellen Feuerwehren und andere Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen.
In bestimmten Fällen müssen beschädigte Elektrofahrzeuge deshalb über längere Zeit abgesondert oder sogar in speziellen Löschcontainern gekühlt und unter Wasser gesetzt werden.
Das verursacht zusätzliche Kosten – und kann im schlimmsten Fall ebenfalls dazu führen, dass ein Fahrzeug als Totalschaden endet.
Nicht nur die Batterie macht den Unterschied
Die höheren Reparaturkosten lassen sich allerdings nicht allein auf den Akku reduzieren.
Elektrofahrzeuge verfügen über komplexe Hochvolt- und Steuerungstechnik. Nach einem Unfall müssen deshalb teilweise zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt werden.
Auch Diagnosen, Transport und Lagerung können aufwändiger sein.
Ein beschädigtes Elektrofahrzeug kann beispielsweise nicht ohne Weiteres wie jedes andere Fahrzeug behandelt werden. Abschleppunternehmen, Werkstätten, Gutachter und Feuerwehren benötigen entsprechende Kenntnisse und teilweise spezielle Ausrüstung.
Das alles schlägt sich am Ende in der Schadenrechnung nieder. Und die Versicherungswirtschaft kann diese Kosten nicht ignorieren. Denn eine Versicherung funktioniert letztlich nach einem einfachen Prinzip:
Viele Kunden zahlen Beiträge, aus denen die Schäden derjenigen bezahlt werden, bei denen tatsächlich etwas passiert.
Steigen die durchschnittlichen Schadenkosten, muss sich das langfristig auch in der Beitragskalkulation widerspiegeln.
Dazu kommen weitere Kostentreiber
Dabei darf man nicht vergessen, dass die höheren Kosten von Elektrofahrzeugen nur ein Teil des Problems sind.
Auch bei klassischen Verbrennern steigen die Schadenaufwendungen seit Jahren.
Ein Beispiel sind Marderschäden. 2023 erreichten diese mit rund 128 Millionen Euro einen neuen Rekordwert – 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor zehn Jahren lag die Gesamtsumme noch bei weniger als der Hälfte.
Auch der Diebstahl von fest mit dem Fahrzeug verbundenen Teilen verursacht erhebliche Kosten. 2023 lagen die versicherten Schäden durch Autoteilediebstahl bei rund 124 Millionen Euro.
Hinzu kommen die bereits genannten steigenden Ersatzteil- und Werkstattpreise.
Die Kfz-Versicherung wird also nicht allein deshalb teurer, weil immer mehr Menschen Elektroautos fahren. Die gesamte Schadenlandschaft wird teurer. Bei Elektrofahrzeugen kommen jedoch zusätzliche Kostenrisiken hinzu.
Was bedeutet das nun für den Kunden?
Elektroautos sind nicht grundsätzlich schlechter versicherbar. Und sie sind auch nicht automatisch häufiger von Schäden betroffen.
Das eigentliche Problem sind die teilweise erheblich höheren Kosten, wenn ein Schaden tatsächlich eintritt.
Genau deshalb kann ein Elektroauto trotz geringerer Schadenhäufigkeit eine höhere Versicherungsprämie haben als ein vergleichbarer Verbrenner.
Und hier zeigt sich einmal mehr, warum es bei einer KFZ-Versicherung für E-Autos nicht sinnvoll ist, ausschließlich auf den Jahresbeitrag zu schauen.
Entscheidend ist vielmehr, was der jeweilige Tarif im Schadenfall tatsächlich leistet. Gerade bei Elektrofahrzeugen lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Bedingungen:
- Wie ist der Akku grundsätzlich versichert?
- Sind Ladekabel, mobiles Ladezubehör und Wallbox mitversichert?
- Ist eine Pannenhilfe bei leerem Akku mitversichert?
- Sind Folgeschäden durch Tierbisse beim Akku mitversichert?
- Gibt es besondere Regelungen bei Überspannungsschäden?
- Ist eine mögliche Differenz zwischen dem Wiederbeschaffungswert des Akkus und dem Leasingwert abgesichert?
- Gibt es eine Neuwertentschädigung für den Akku?
- Sind Kurzschlussfolgeschäden am Akku mitversichert?
Das sind Fragen, die im Schadensfall erheblich wichtiger sein können als ein auf den ersten Blick günstiger Jahresbeitrag.
Nachhaltigkeit bedeutet auch Reparierbarkeit
An dieser Stelle wird es interessant.
Denn die Frage nach den Reparaturkosten ist nicht nur eine Frage der Versicherung. Sie ist auch eine Frage der Nachhaltigkeit.
Eine Hochvoltbatterie benötigt bei ihrer Herstellung erhebliche Mengen an Energie und Rohstoffen. Wenn ein Elektrofahrzeug nach einem Unfall bereits aufgrund einer beschädigten Batterie wirtschaftlich nicht mehr reparabel ist, stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage, ob dieses Vorgehen tatsächlich nachhaltig ist.
Die gute Nachricht: Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.
Hersteller und Zulieferer arbeiten zunehmend daran, Batterien modularer aufzubauen und einzelne Module gezielt austauschen zu können. Dadurch soll es künftig häufiger möglich werden, eine beschädigte Batterie zu reparieren, anstatt gleich das komplette Batteriesystem ersetzen zu müssen.
Das wäre nicht nur aus ökologischer Sicht sinnvoll. Auch die Versicherungswirtschaft würde davon profitieren und damit letztlich auch die KFZ-Versicherungskunden.
Denn wenn sich Batterieschäden künftig gezielter und wirtschaftlicher reparieren lassen, könnten dadurch Reparaturkosten sinken und wirtschaftliche Totalschäden vermieden werden. Das wiederum könnte langfristig auch dazu beitragen, die Schadenaufwendungen der Versicherer zu reduzieren und damit auch die Beiträge für Kfz-Versicherungen von E-Autos zu senken.
Damit könnte sich ein Teil des heutigen Kostennachteils von Elektrofahrzeugen perspektivisch wieder relativieren.
Mein Fazit
Die höhere Versicherungsprämie eines Elektroautos ist also nicht einfach damit zu erklären, dass Versicherer E-Autos „nicht mögen“ oder pauschal höhere Beiträge verlangen.
Die Schadenstatistiken zeigen vielmehr ein differenziertes Bild:
Elektroautos verursachen teilweise weniger Schäden, diese Schäden können aber deutlich teurer sein.
Insbesondere die Hochvoltbatterie, aufwendige Diagnoseverfahren, besondere Sicherheitsanforderungen und die teilweise noch eingeschränkten Reparaturmöglichkeiten können die Schadenkosten erheblich erhöhen.
Gleichzeitig entwickelt sich die Technik weiter. Wenn Batterien künftig einfacher, modularer und wirtschaftlicher repariert werden können, dürfte sich auch dieses Problem zunehmend entschärfen.
Bis dahin gilt aus meiner Sicht:
Nicht das Antriebskonzept allein entscheidet darüber, ob eine Versicherung gut oder schlecht ist. Entscheidend ist, was im Ernstfall tatsächlich versichert ist.
Und genau deshalb vergleiche ich bei der Kfz-Versicherung nicht nur Beiträge, sondern vor allem die Leistungen und Bedingungen der einzelnen Tarife.
Denn am Ende geht es nicht darum, irgendeinen Vertrag zu vermitteln, sondern darum, dass Sie im Ernstfall tatsächlich das bekommen, was Ihnen zusteht.
